
Liebe Freunde,
hier Amir Treschaus ungekürzter und nur wenig geschönte Bericht von der jüngsten Veranstaltung aus der Reihe “Wir Segelflieger lernen unsere fränkische Heimat kennen”:
Nachdem dem ich mich am diesjährigen Tag der Arbeit bereits mit unserem Cirrus auf den Weg zum Walberla gemacht hatte, um dort die Kollegen in Dobenreuth-Forchheim auf einen kurzen Plausch und ein kühles Erfrischungsgetränk zu besuchen, durfte ich zwei Tage später die Gastfreundschaft unserer Oberpfälzer Mitbürger genießen. In der Sonne sitzen, ein “Rötzer Helles” trinken und der staunenden Familie Meixensperger in Bernried, Kreis Rötz bei Neunburg vorm Wald, allerlei Interessantes rund um die Fliegerei erklären. Beispielsweise den Unterschied zwischen „Luftlöchern“ und dem, was sich im Kopf eines Piloten befindet, der meint, anstatt auf die nächstgelegenen Wolken im Nordosten zuzufliegen ein blaues Loch von lockerer 25 km Durchmesser genau mittig durchfliegen zu müssen …
Und begonnen hat alles in etwa so: Eine klare Nacht, ein schöner Morgen, der Wetterbericht, zwar nicht hocheuphorisch aber keinesfalls schlecht, läßt zunächst Klaus, Lukas die LS 4en und mich den Cirrus aufbauen, etwas später stoßen Joachim und Farshad dazu. Okay, jeder kennt den Spruch vom „frühen Vogel“ und dem Wurm, aber da gerade offensichtlich niemand Appetit auf Würmer hatte und sich zudem der Himmel über uns bis in den späten Vormittag hinein in makellosem Blau präsentierte, starteten wir doch verhältnismäßig spät. Günter saß im Falken, Klaus stand als erster am Start, ich war die Nummer 2, unmittelbar gefolgt von „Master Luke“.
Der Himmel sah in südöstliche Richtung viel versprechend aus. Im Gegensatz zu Klaus und auch nach mir Lukas, die beide zunächst nach Norden abflogen, hatte ich mich entschlossen, sofort nach Südosten zu fliegen.
Gleich im zweiten Bart ließ ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, die Scharfsichtigkeit unseres Meisters im Twin zu testen: “Amir, dein Rad ist noch draußen!” tönts im Funk. Nicht schlecht, das gab immerhin 50 Punkte .. (die 100 hätte er gekriegt, wenn er mir noch gesagt hätte, das mein Haubenfaden weggeflogen war .. vielleicht aber war ihm das nur zuviel der „Kindergartenbetreuung“
Verflixt, der Haubenfaden! Ein kurzer Moment der Unsicherheit, soll ich den Flug abbrechen?! Ich beschloss weiterzufliegen. Man kann ja in allem Schlechten auch etwas Gutes entdecken: Ohne Faden muß ich mir wenigstens den Murks, den ich zusammenfliege, nicht einen ganzen Nachmittag lang mit ansehen ..
Also, rasch östlich von Fichtelbrunn knapp ausserhalb der TMZ Höhe machen, weiter über Amberg Richtung Schwandorf, erstaunlicherweise war dort die Basis schon locker so hoch wie später im Bayerwald, weiter dem Wolkenbild folgend Richtung Cham. Mittlerweile flog Joachim ebenfalls auf Südostkurs hinter mir. Da in Richtung Regensburg kaum mehr Cummulanten standen, flog ich einen Bogen in Richtung Osser. Bevor ich diesen erreicht habe, glitt ich hoffnungsfroh in Richtung Hauptkamm des Bayrischen Waldes, durchflog sogar noch großzügig einen Bart, den ich auf dem Weg dorthin in zwei Kreisen nicht sauber zentrieren konnte und kam, auch du Sch.., immer tiefer in Richtung Bayerwald. Die OLC-Auswertung zeigt etwas nördlich Bad Kötzing 300 m AGL - und die entsprachen kurzzeitig auch meinem Gemütszustand. Den Bayerwald und die Wolkenstraße über dem Kamm zum Greifen nahe und dann nicht mehr hochkommen?! Unter der Hangkante weiterfliegen und hoffen, das mich Westwind und Thermik doch wieder über Kammniveau tragen war jetzt angesagt. Und, ich hatte Glück. Ein zunächst ruppiger, zerrissener Bart hob mich in eine gemütliche Ausgangshöhe weiter Richtung Arber. Dort erflog ich mir die letzten fünf, sechshundert Meter bis unter die Basis. Joachim meldete sich im Funk hinter mir fliegend, schön. Weiterhin ging´s in einem, zumindest kurze Zeit, rodeoähnlichen Ritt südostwärts mit sogar mal mehr als 200 km/h, um nicht im Geradeausflug in die Wolken zu geraten. Über Zwiesel schwächelte der Aufwind etwas, danach ging´s in einem Nullschieber noch ein Stückchen weiter. Hinter dem Stausee beschloss ich dann zu wenden und den Heimweg anzutreten.

Wolkenstrasse über dem Bayerischen Wald
Direkt nördlich von Zwiesel an der südwestlich exponierten Hangkante standen noch einmal über 3 m/s auf dem Integrator, ich flog deutlich unter der Basis ab, um nicht wie auf dem Hinweg schneller als mir eigentlich lieb war von den Wolken wegfliegen zu müssen. Mittlerweile meldete sich auch Klaus am Funk, der einen wirklich langen Schenkel vom Fichtelgebirge ebenfalls nach Zwiesel geflogen ist. Für Unterhaltung am Funk war jetzt also gesorgt, Joachim erzählte Herrenwitze a la “da sind heute aber viele Langohren unterwegs” .. Hat der wirklich so gute Augen oder traut er sich einfach nur so nah ran?! Wie auch immer, ich flog den Kamm entlang weiter nach Nordwesten ins Blaue hinaus Richtung Cham. Es machte sich fast so etwas wie Erleichterung bemerkbar, nach dem langen Flug unter der fast geschlossenen Wolkendecke des Bayrischen Waldes. Ein, zweimal noch ein etwas lustloser Versuch schwaches Steigen einzukreisen, dann der Beschluß, einfach zu den nächsten Wolken im Nordnordwesten Chams zu gleiten, aus 1700 m msl, noch gut 1200 m AGL sollte dies doch auch bei einer Gegenwindkomponente von gut 10 km/h locker drin sein, die nächsten Wolken sehen doch so nah aus. Joachim gibt Bescheid, er will sein Glück weiter im Osten versuchen, ebenso Klaus.
Ich fliege auf Cham zu, sinke, fliege über Cham, sinke, versuche halbwegs sauber Sollfahrt zu fliegen. Mein Ziel, die Wolken voraus, kommen doch immer näher, oder?! Ich sinke weiter. Weit hinter Cham beschleicht mich das erste mal das Gefühl, das es nun langsam eng werden könnte. Jetzt habe ich vielleicht noch 500 Meter über wieder hügeligem Gelände, die Wolken noch weit voraus. Das erste mal seit langem ist wieder etwas Bewegung in der Luft, ich suche, kreise ein und kann während vielleicht 3, 4 Minuten sogar 50, 60 Meter wieder gut machen. Als auch dieser Aufwind weiter an Konstanz verliert, versuche ich nochmals ein Stückchen im Westen mein Glück, trockene Äcker und Abrißkanten locken. Zwei, höchstens drei Minuten kann ich noch suchen, den ordentlich nach Westen ausgerichteten und im Anflug freien Außenlandeacker, in Landerichtung leicht ansteigend, ständig im Blick. Dann kommt das Rad heraus, ich korrigiere im Queranflug noch etwas die Höhe, halte im kurzen Endteil knapp 110 km/h, setze ungefähr nach 50 Metern auf und lasse den Cirrus mit minimalem Bremseinsatz ausrollen. Ich schnaufe tief durch, öffne die Haube, gebe Joachim und Klaus Bescheid; denke mir “Mensch, jetzt bist du ja schon fast ein alter Hase mit der zweiten “echten” Aussenlandung ” Von wegen, als ich gleich aussteige, zittern mir die Knie ..
Nach wenigen Minuten kommt schnaufend ein junger Bursch auf dem Radl über den Acker. Andreas heißt er, ob den bei der „Notlandung“ etwas passiert wäre, will er wissen. Seine Eltern jedenfalls hätten sich furchtbar erschrocken, als da so tief, es war ja nur ein „Wischerer”, das Segelflugzeug vor ihrer Terrasse vorbeiflog. Und derweil sich die Eltern zuhause weiter Sorgen machen, freunden sich Andreas und ich kurzerhand an. Andreas bekommt bei seiner Sitzprobe im Cirrus die Grundlagen des Segelfluges vermittelt, ist schwer begeistert, und die Eltern machen sich weiter Sorgen .. In Hersbruck organisiert Klaus-Dieter inzwischen ein erstklassiges Rückholer-Team, nämlich den eben wieder eingetroffenen Lukas samt dem Bauminister. Endlich ruft Andreas zuhause an, ich tue es ihm gleich und kassiere prompt einen Anschiß von der Susl “Wie, schon wieder aussengelandet? Wird das jetzt zum schönen Brauch bei deinen Flügen? Wie kann man denn da überhaupt absaufen, wenn der Himmel so aussieht, wie er heute Nachmittag aussieht?!” Naja, wie wir alle wissen, ist Toleranz und Verständnis die Grundlage einer jeden gedeihlichen Partnerschaft ..

Sitzprobe im Cockpit
Wir hängen den Cirrus mit einer passenden Kette an einen Bulldog und schleppen ihn an den Rand des Feldes, wo aus wir ihn ideal abbauen und im Hänger verstauen können. Dann, und jetzt komme ich wieder zum Anfang meiner Geschichte, sitze ich bei den Meixenspergern auf der sonnigen Terrasse und laß es mir gut gehen, bis meine Rückholer da sind. Abbauen und die Rückfahrt dauert gut zwei Stunden, wir sind allesamt hungrig und beschließen den Abend zu dritt in “unserer” Pizzeria in Hersbruck. Ein ganz herzliches Dankeschön nochmal an Jörg und Lukas!
Der Erkenntnisgewinn
- Haubenfaden beim Aufrüsten bzw. beim Vorflugcheck ansehen/ evtl. mit zwei kurzen Klebstreifen nacheinander befestigen.
Die Entscheidung, den Flug ohne Haubenfaden durchzuführen halte ich für korrekt, ich war mir sicher, auch ohne Faden weitestgehend koordinierte Steuereingaben durchführen zu können – eine geringe Leistungseinbuße halte ich aber v.a. bei mir als Pilot für wahrscheinlich.
Keinesfalls aber dürfen Fehlfunktionen/ Störungen am Fluggerät die Pilotenkonzentration latent so beanspruchen, dass die Aufmerksamkeit für das eigentliche Fliegen leidet – in solchen Fällen sollte der Flug tatsächlich abgebrochen werden.
- Früher starten, das hätte dieser Tag hergegeben, und, wir hätten es erkennen müssen.
- Versuchen, eine Vorstellung vom mittleren Steigen an dem Tag/ in der Gegend zu gewinnen und dann bei ausreichender Höhe konsequent die starken Bärte anfliegen (und weniger Zeit beim Kreisen in schwacher Thermik verplemmpern)
- Cham bzw. auffällige blau Löcher meiden wie der sprichwörtliche „Deifi“ das Weihwasser – wäre ich Dödel konzentriert zunächst nach Norden geflogen, die Bergkette östlich von Waldmünchen hatte bei meinen letzten Flügen immer gut getragen, wären das Nachhausekommen, mit etwas Geschick und den verbleibenden zwei Stunden thermisch aktiver Zeit auch an die 350 km mit dem Cirrus drin gewesen. So waren´s 230 km und ein 65iger Schnitt. Wie, ihr meint das sei noch nicht besonders rekordverdächtig?! Im Vergleich zu euch gesehen freilich, für mich persönlich aber doch eine kleine Verbesserung, zumal Schnelligkeit in allen Lebenslagen wohl ohnehin nicht zu meinen angeborenen Talenten zu gehören scheint. O-Ton Suserl: „Der Amir braucht für alles furchtbar lange, nur beim Motorradfahren geht´s ihm nicht schnell genug“.
Amir Treschau